Schweinegrippe Wissenswertes für Myasthenie-Patienten

Der neue Subtyp des Schweinegrippevirus (H1N1) hat sich als Grippewelle von Mexiko ausgehend innerhalb weniger Monate weltweit über mehr als 160 Länder ausgebreitet. In Deutschland war die erste Erkrankung mit dem neuen Influenza-Virus Ende April bei einem aus Mexiko zurückgekehrten Reisenden diagnostiziert worden.

Seither wurden mehr als 4.500 Fälle registriert, neuerdings geht man von über 600 Neuerkrankungen pro Tag aus. Experten rechnen damit, dass im Herbst ein weiterer Anstieg von Schweinegrippevirus-Infizierten zu erwarten ist, mit dann auch schwereren Verläufen. Bisher sind die Ausprägung und der Krankheitsverlauf der Grippe in aller Regel milde. Die Einschätzung der Krankheitsaktivität der Influenzaviren ist schwierig, da sich das Erbgut der Viren verändern kann (Mutation). Durch diese genetische Veränderung kann es zu anderer, entweder stärkerer oder weniger gravierender Krankheitsaktivität kommen, und man weiß nicht sicher den Erfolg der geplanten Impfung.

Die Infektion kann molekulargenetisch diagnostiziert werden. Virusuntersuchungen aus einem tiefen Rachen- oder Nasenabstrich sind sinnvoll. Diese Abstriche werden unter Einhaltung persönlicher Schutzmaßnahmen wie Tragen von Atemschutz, Schutzbrille, Handschuhe und Schutzkittel gewonnen. Bei V. a. Schweinegrippe ist es nicht sinnvoll, wenn der Erkrankte in die Arztpraxis geht. Er sollte seinen Arzt anrufen, um mit ihm abzusprechen, wie die Betreuung durchgeführt werden soll. Bei Aufsuchen der Praxis besteht die Gefahr, dass der Betroffene die Personen in der Arztpraxis ansteckt. Die Indikation zur Untersuchung auf Schweinegrippe, und dies gilt auch für Myasthenie-Patienten, ist die Beobachtung der typischen Symptome der Schweinegrippe, diese sind:

  • Fieber, über 38 °
  • Atemprobleme, wie Husten, zusätzlich Niesen
  • Krankheitsgefühl
  • Gliederschmerzen

Auch Verdachtsfälle sind zu untersuchen, z.B. Personen, die Kontakt hatten mit einem an Schweineinfluenza erkrankten Menschen oder Tier.

Etwa 20 % der laborbestätigten Erkrankungen verlaufen ohne Fieber. Man sollte daher auch bei ungewöhnlichen respiratorischen Atembeschwerden und nur blanden Hinweisen auf eine Grippe, vor allem bei gefährdeten Patienten wie Schwangeren oder Patienten unter Immunsuppression, an eine Infektion mit dem neuen Influenza-Schweinegrippevirus denken. Auch Personen nach Auslandsaufenthalten und Kontakt zu wahrscheinlichen und bestätigten Erkrankten sollten untersucht werden.

Myasthenie-Patienten sollten unbedingt, wenn irgend möglich, zu Hause bleiben und bei Umgebungsinfektionen folgende Hygienemaßnahmen befolgen:

Kontakt mit schon Erkrankten ist zu vermeiden. Bei V. a. Eigeninfektion konsequenter Einsatz von Papiertaschentüchern, die aber nur einmal zum Schnäuzen oder beim Husten benützt werden und dann sofort entsorgt werden.

  • Prophylaktische Medikamenteneinnahme, z.B. Tamiflu®, derzeit soweit beurteilbar nicht sinnvoll, erst bei gesicherter Diagnose.
  • Sorgfältige Händehygiene sowie Meidung jeden körperlichen Kontaktes zwischen erkrankten Personen und den nicht erkrankten Haushaltsmitgliedern. Hände vom Gesicht fernhalten, da die Erreger von den Händen leicht auf die Schleimhäute von Augen, Nase und Mund übertragen werden.
  • Regelmäßiges Händewaschen und Desinfizieren vor dem Zubereiten von Speisen, vor dem Essen, nach den Toilettengängen, beim Nachhausekommen.
  • Nasenhygiene: Auch für das Naseputzen gibt es klare Empfehlungen: Einmaltaschentücher benutzen. Sie sollten nur einmal benutzt und dann auch sofort entsorgt werden, z.B. in einer am Bett bereit liegenden Plastiktüte. Anschließend Hände waschen, um die Gefahr der Virusübertragung auf andere Personen zu minimieren.
  • Beim Husten Abstand zu anderen Personen halten, auch hier Husten in ein Taschentuch oder den Ärmel, nicht aber in die Handflächen.
  • Mund/Nasenschutz für verdächtige Personen:
  • Wenn räumlich möglich, Isolation (über die dann notwendigen Hygienemaßnahmen informiert das zuständige Gesundheitsamt) solange Infektion besteht, Schlafen und Aufenthalt in getrennten Zimmern.
  • Keine gemeinsamen Mahlzeiten, d.h. entweder räumlich oder zeitlich getrennt von den nicht erkrankten Haushaltsmitgliedern.

Grundsätzlich gilt bis zum Ausschluss des Verdachtes (molekulargenetische Untersuchung, PCR-Reaktion), den Erkrankten oder möglicherweise Erkrankten nach Maßgabe des zuständigen Gesundheitsamtes isolieren, um eine Übertragung auf weitere Personen zu vermeiden.

Bei Bestätigung der Erkrankung Isolierung über die Dauer der Ansteckungsfähigkeit, d.h. bei Erwachsenen 7 Tage, bei Kindern 10 Tage. Eine vorzeitige Beendigung der Isolierung nur dann, wenn dreimal im Abstand von je 12 Stunden keine mittels PCR messbare Virusausscheidung in adäquatem Untersuchungsmaterial nachgewiesen werden konnte.

Therapie:

Unabhängig vom Laborbefund ist bei Verdacht auf eine Schweinegrippe eine Therapie mit antiviralen Arzneimitteln für 5 Tage in Erwägung zu ziehen. Bei uns ist nach dem bisherigen Kenntnisstand antivirales Mittel der Wahl Tamiflu® und Zanamivir (Relenza®). Allerdings werden in Amerika schon resistente Schweinevirenstämme gegen Tamiflu beobachtet, hier noch nicht. Ob eine antivirale Therapie für Personen mit erhöhtem Risiko, wie auch Myasthenie-Patienten, die vor allem unter einer immunsuppressiven Therapie stehen, sinnvoll ist, ist noch nicht entschieden. Für Myasthenie-Patienten gilt besonders, den Kontakt mit Schweinegrippeviruserkrankten, ebenso wie den Besuch von Massenveranstaltungen und den Kontakt zu Urlaubsrückkehrern aus betroffenen Gebieten zu vermeiden. Inwieweit der in etwa 2 Monaten zur Verfügung stehende Impfstoff die befürchtete Zunahme der Schweinevirusinfektion zu hemmen vermag, wird der Verlauf zeigen. Bei gutem Ansprechen sind aber eindeutig Myasthenie-Patienten, vor allem die, die unter einer immunsuppressiven Therapie stehen, als besonders gefährdet anzusehen und müssen geimpft werden. Dies gilt vor allem auch für Schwangere, und ganz besonders für Schwangere mit Myasthenie.

Ist ein Myasthenie-Patient von dem Schweinegrippevirus betroffen, muss schnellstens die Diagnose gesichert werden und dann der Patient mit antiviralen Medikamenten versorgt werden. Er muss zu Hause bleiben, den Kontakt zu anderen Menschen meiden und bei Niesen, Husten, usw. Einmaltaschentücher verwenden (s.o. Hygienemaßnahmen), weiterhin sollten Immunsuppressiva, wie Kortikosteroide, Azathioprin, usw. für 14 Tage pausiert werden. Eine differenzierte ärztliche Beratung durch den behandelnden Neurologen ist notwendig.

Unmittelbare Kontaktpersonen des Infizierten stehen ebenfalls unter Quarantäne, einen Mundschutz sollte in erster Linie der Erkrankte tragen, vor allem, wenn er mit anderen Menschen zusammen kommt. Schwangere müssen besonders vorsichtig sein und alles tun, um sich nicht anzustecken. Bei dringendem Verdacht auf eine Schweinegrippeinfektion müssen diese Patienten unverzüglich ärztliche Hilfe, primär telefonisch, in Anspruch nehmen und eine antivirale Therapie erhalten.

Geimpft wird Schlüsselpersonal, wie Bedienstete im Medizinischen Bereich, die die Krankenversorgung aufrechterhalten, sowie Polizei und Feuerwehr, die für die öffentliche Sicherheit und Ordnung Sorge tragen. Weiterhin müssen Schwangere und chronisch Kranke, wie z.B. Fettleibige, Diabetes-Patienten, Asthma-Erkrankte, Patienten mit Multipler Sklerose u.a. Myasthenie-Patienten geimpft werden, sobald ein effektiver Schutzimpfstoff zur Verfügung steht.

Prof. Dr. F. Schumm

2 Kommentare zu “Schweinegrippe Wissenswertes für Myasthenie-Patienten

  1. lange sagt:

    Sehr geehrte Damen und Herren,
    ab wann die Grippe ansteckend? Beim Ausbruch der Grippe jurz vorher, bzw. wieviel Tage vorher? Bin Samstag mit einem Patienten bei dem heute dieGrippe diagnostiziert wurde zusammen getroffen?
    Danke

  2. Simone sagt:

    Man kann nur hoffen, dass sich die Zahl der Neu-Infektionen und die damit bedingte Weiterverbreitung durch Aufklärung weiter reduziert. Für uns als Myasthenie-Patienten ist ja jede kleine Infektion folgenreich. Wie sieht es denn mit den antiviralen Medikamenten aus. Dürfen MGler diese denn bekommen?

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